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„Wenn man fällt, muss man wieder aufstehen. Das tue ich gerade.“ (Deutsche Interview-Version)

„ Wenn man fällt, muss man wieder aufstehen. Das tue ich gerade“

 

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Nach einem schweren Radunfall 2013 lag die dänische Triathletin Camilla Pedersen im künstlichen Koma. 
Die Ärzte hatten keine Hoffnung, dass sie jemals wieder laufen wird.
Doch Camilla belehrte sie eines Besseren.
Acht Monate später, gewann sie die Challenge Fuerteventura.
Ein wahnsinnig spannendes und inspirierendes Interview, mit einer Frau, die vor Lebensfreude, Stärke und Mut nur so strotzt.

Im September 2013 hattest du einen schweren Radunfall.
Hast du noch mit Beeinträchtigungen zu kämpfen oder bist du komplett genesen?
Ich habe immer noch Beeinträchtigungen und werde sie für den Rest meines Lebens haben.
Aber keiner von uns ist perfekt. Jeder hat seine Probleme. Man muss sein Leben so gestalten, wie es einem möglich ist.
Man muss herausfinden, wie man seine Probleme lösen kann und seine Ziele trotzdem erreicht.
Es ist wie ein Puzzle – man muss die kleinen Teile, die funktionieren, zu einem großen Ganzen zusammensetzen, damit man etwas Schönes bekommt.

Manche Dinge funktionieren einfach noch nicht. Und das ist wirklich frustrierend. Aber ich versuche trotzdem fröhlich zu bleiben. Schließlich lebe ich noch.

Was funktioniert noch nicht?
Nach langen harten Tagen mit viel Training oder einem Ironman reguliert sich mein Körper runter, ohne, dass ich mich körperlich oder geistig erschöpft fühle. Ich fühle keine Erschöpfung, aber sie ist da.
Wir versuchen noch rauszufinden, wieso das passiert. Mein Gehirn hat bei dem Unfall einiges abbekommen, durch den hohen Druck, der in meinem Kopf herrschte, als ich im Koma lag.
Wahrscheinlich ist mein Cortex beschädigt worden.
Der Kortex kommuniziert mit dem Körper. Und immer, wenn mein Körper an ein Limit kommt, schaltet er ab.

Wie gehst du damit um?
Ich trainiere meinen Kopf.
Ich versuche neue Areale in meinem Gehirn zu aktivieren.
Nach dem Unfall war es lange Zeit schwer für mich zu lesen oder zu schreiben. Ich hatte Blutungen in dem Teil meines Gehirns, in dem das Gedächtnis sitzt. Deshalb fällt es mir schwerer mich an gewisse Dinge zu erinnern. Besonders, wenn ich etwas höre, kann ich mir es schlechter behalten. Das funktioniert besser, wenn ich es selbst schreibe.
Deshalb mache ich Übungen dafür.

Mein Gehirn wird einfach schneller müde, also trainiere ich es. Denn wenn der Kopf schneller müde wird, ermüde ich auch im Training schneller. Das ist ein Teufelskreis.
Ich muss eine halbe Stunde am Tag einfach nichts tun – das Meer anschauen oder die Decke anstarren, ohne Smartphone oder so. In dieser Zeit muss ich meinen Kopf ausruhen.
Das fällt mir nicht leicht, ich bin nicht gut darin, nichts zu tun. Aber ich merke, dass mir das gut tut. Also mache ich es.

Der kürzeste Weg, ist niemals der richtige Weg. Wenn man fällt, muss man wieder aufstehen.
Das tue ich gerade.

Bist du dem vielen und harten Training denn überhaupt wieder gewachsen?
Was für mein Gehirn neu ist, fällt ihm schwer. Ich treibe schon immer Sport, daran bin ich gewöhnt, das kennt mein Gehirn. Deswegen ist das Training etwas, das mir leicht fällt, womit ich mich wohlfühle.
Im Training fühle ich mich am entspanntesten.
All dieses Training machen zu können ist tröstlich. Das ist mein großes Glück.

Was ich von meinem Unfall gelernt habe ist, dass man nur einmal lebt. Es kann sich von der einen auf die andere Sekunde so viel ändern. Man muss jeden Moment genießen. Man muss die Lichtblicke genießen und das tun, was man liebt.
Für mich ist das eben Triathlon. Ich liebe diesen Sport einfach und deshalb bin ich wieder zurückgekommen.

Was hat dich so stark gemacht? So stark, dass du wieder Leistungssport machst, obwohl dich die Ärzte schon aufgegeben hatten?
Ich folge meinem Herzen. Ich höre in mich hinein, frage mich, wie ich mich fühle.
Ich glaube Leuten einfach nicht blind. Ich muss es gefühlt haben, bevor ich es glauben kann.
Ich gebe nie ohne irgendeinen Grund auf. Wenn ich etwas probiere und feststelle, dass ich es nicht schaffe, dann kann ich das akzeptieren. Aber nicht, wenn ich es nicht versucht habe.
Man muss an sich glauben und kämpfen.
Wenn man mal die Erfahrung gemacht hat, etwas geschafft zu haben, dann muss man das Gefühl speichern und sich merken. Das macht einen stärker!

Hattest du an einem Punkt deiner Genesung Zweifel daran, wieder gesund zu werden?
Am Anfang war ich sehr verunsichert. Es war alles so anders und neu.
Und es war hart für mich, zu wissen, dass jeder wusste, wo ich war, wie es mir ging, was ich erlebt habe. Die Leute gingen irgendwie davon aus, dass ich mich verändert hätte. Dabei hatte ich mich doch gar nicht verändert, ich war immer noch die gleiche Camilla.

Sportlich gesehen war das Schwimmen zu Beginn nicht einfach. Ich konnte den schwarzen Strich im Becken nichtmal sehen. Mir war so schwindelig. Ich hatte so einen Druck im Kopf.
Ich konnte zum Beispiel nicht nach links atmen. Immer, wenn ich nach links geatmet habe, wurde mir schwindelig. Also atmete ich nur nach rechts.
Ich konnte auch nicht mit meiner Schwimmgruppe trainieren, weil ich einfach noch nicht so fit war. Also bin ich ein Jahr alleine geschwommen, das war so unfassbar langweilig, immer nur seine eigenen Programme abzuschwimmen. Aber da musste ich durch.

Was sind deine Ziele für 2016? Worauf bereitest du dich gerade vor?
Kona ist mein großes Ziel. Da ich die Quali schon habe, kann ich etwas entspannter in die Saison gehen und ein paar Rennen machen, bei denen ich einfach gerne starten möchte. Ich werde im März den 70.3 Monterrey in Mexiko machen, dann den 70.3 Brasilien. Einfach, weil ich gerne mal nach Brasilien will. Die ITU Langdistanz-WM in Oklahoma habe ich im Hinterkopf und ein paar Rennen in Dänemark. Und natürlich die Langdistanz-EM in Frankfurt. Einen genauen Rennplan habe ich noch nicht, daran bastle ich noch.

Wie war Kona 2015 für dich? Es war dein erster Start, nachdem du 2013 eigentlich zu den Favoriten gezählt hast. Was hast du gelernt?
Als ich an der Startlinie stand, war ich sehr glücklich. Es war immer mein Traum nach Hawaii zu kommen. Und da stand ich nun. Zwei Jahre zuvor lag ich noch im Krankenhaus und nun stand ich an der Startlinie.
Allerdings hatte ich im Sommer einen Bandscheibenvorfall, mit dem ich bis zwei Monate vor Hawaii nicht laufen konnte. Dass es deshalb kein perfektes Rennen werden würde, war klar.

Was ich gelernt habe:
Ich schätze total, dass ich wieder das machen kann, was ich liebe.
Ich liebe all die Abenteuer. Man sieht die Welt von einer anderen Seite.
Man erlebt sie nicht als Tourist, sondern wie ein Einheimischer. Es gibt dir Erinnerungen für den Rest deines Lebens.
So lange man seine Familie um sich hat, mit der man sein Leben teilen kann, ist alles gut.
Bei Sponsoren geht es mir ähnlich. Mir ist es sehr wichtig bei Sponsoren zu bleiben, die mich von Anfang an unterstützt haben. Sie waren da, als mich noch keiner kannte. Loyalität und Ehrlichkeit sind mir in dieser Beziehung ganz wichtig. Natürlich kommen neue hinzu und man bekommt immer wieder Angebote, aber diejenigen, die schon immer dabei sind, die muss man einfach zu schätzen wissen.

Was sind deine Ziele für dieses Jahr Kona?
Für dieses Jahr will ich aufs Podest.
In der Form, in der ich 2013 vor dem Unfall war, wäre ich mit Sicherheit in den Top 3 gewesen.
Mein Trainer sagt, dass ich das schaffen werde. Und er sagt nie Dinge, an die er selbst nicht glaubt.
Nun arbeite ich daran, wieder auf dieses Level zurückzukommen.
Generell will ich ein Rennen machen, mit dem ich zufrieden bin. Wenn ich Fünfte werde, aber mein bestes Rennen gemacht habe, dann ist das super. Dann weiß ich einfach, dass die anderen besser sind.

Du hast schon immer viel Sport gemacht. Von Hockey, über Schwimmen, bis hin zu Triathlon. Was machst du neben dem Triathlon am Liebsten? Hast du in der off-Season Zeit für etwas anderes als Triathlon?
Dieses Jahr habe ich Eis-Hockey gespielt. Außerdem bin ich Spinning Instructor im Fitness-Studio zuhause. Da habe ich im Dezember dann auch mal Kurse gegeben und mitgemacht, die ich eigentlich nicht mache. Crossfit, Yoga, … Ich mag es einfach, meinen Körper in einer anderen Art und Weise einzusetzen, als man es  gewohnt ist. Ich mag Herausforderungen.

Zu guter letzt noch eine Frage, die ich jedem Interview-Partner stelle…
Wenn du nach einem Trainingstag nachhause kommst und den Kühlschrank aufmachst, welches Lebensmittel fehlt dort niemals?
Ketchup! Eindeutig Ketchup (lacht). Und an zweiter Stelle kommt Joghurt.

Vielen Dank für deine Zeit, Camilla! Ich wünsche dir das Beste für das kommende Jahr.
Mit deiner Einstellung kann aber eigentlich nichts schief gehen.
Keep going!

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