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„Talent ist keine Verpflichtung!“

12th FINA World Swimming Championships (25m)
Markus Deibler, nach dem Weltrekord in Doha. Photo: Andrea Staccioli/Deepbluemedia/Insidefoto

 

Markus Deibler. Europameister. Weltrekordhalter. 8. bei Olympia.
Wenige Tage nach seinem Weltrekord vor gut einem Jahr hat er seine Karriere beendet.
Mit 25, weil ihm die Motivation für weitere Jahre Leistungssport gefehlt hat.

Im Interview mit spread sport erzählt er sehr ehrlich vom harten Leben als Profischwimmer in Deutschland, was er als Funktionär verändern würde und seinem neuen Job als Eisdielenbesitzer.

Markus, du hattest deinen Durchbruch im Schwimmen bei der EM 2010 in Eindhoven mit drei Goldmedaillen. 2012 bist du 8. im Olympiafinale von London über 200m-Lagen geworden. Im Dezember 2014 hast du in Doha einen neuen Weltrekord über 100m-Lagen aufgestellt. Wenige Tage später bist du vom Profisport zurückgetreten, weil dir die Motivation für weitere Jahre im Leistungssport gefehlt hat.
Wie kommt man mit so vielen Erfolgen im Gepäck zu so einer Entscheidung?

Leistungssport macht man in Deutschland für sich.
Finanziell gewinnt man damit keinen Blumentopf und den Deutschen ist es egal, ob da jemand in der Weltspitze vorne mitschwimmt oder nicht.
Wenn du also keine Lust mehr auf den Sport hast, kannst du es auch lassen.
Generell finde ich: wenn einem im Leben die Lust für etwas fehlt, dann ist es egal um was es geht. Ob es um Leistungssport oder ein Hobby geht.
Man sollte sich auf das konzentrieren, was einem Spaß macht. In meinem Fall ist das eben meine Eisdiele, dich ich mit einer Freundin seit einigen Jahren führe.

Wäre deine Motivation in einem anderen Land größer?

Mit Sicherheit. Wenn man zum Beispiel in den USA schwimmt, dann schwimmt man für sein Land. Das ist eine Ehre, ein Traum. Da steckt eine ganz andere Motivation dahinter, als bei uns in Deutschland.

Dir fehlte hier also der Rückhalt?

Definitiv. Der Schwimmsport spielt in Deutschland einfach keine Rolle. Aber das wusste ich, als ich diesen Job ergriffen habe.
Dann darf ich mich nicht die ganze Zeit beschweren. Dann muss ich einfach machen.

Wer den Schwimmsport so gut kennt wie du, der könnte doch etwas verändern!

Ja, das stimmt! Direkt nach meinem Rücktritt wurde ich gefragt, ob ich mir eine Tätigkeit im Verband vorstellen kann. Damals hatte ich mich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt und hätte nicht gewusst, was auf mich zukommt. Mittlerweile kann ich mir eine Funktionärstätigkeit gut vorstellen. Mal sehen, was die nächste Zeit so bringt.

Was würdest du im deutschen Schwimmsport verändern?

Ich würde bei den Deutschen Meisterschaften ansetzen. Die muss man zu einer Show machen, zu einem Happening. Den Zuschauern muss etwas geboten werden. Das Interesse an unserem Sport muss wachsen, auch damit wir genügend Nachwuchs fördern können!
Andere Länder gehen mit gutem Beispiel voran. Dafür muss man nicht mal in die USA gehen. In Italien und Frankreich ist die Einstellung zum Schwimmsport auch schon eine ganz andere. Aber bei uns ist bei der DM einfach nur tote Hose.

Wie reagierst du auf Kritik von Menschen, die dir verschwenderischen Umgang mit deinem Talent vorwerfen?

Talent ist keine Verpflichtung. Je näher jemand am Leistungssport steht, desto besser versteht er meine Entscheidung. Ich bin solchen Kritikern bisher nicht persönlich begegnet, aber wenn, dann würde ich sagen: Trainiert mal eine Woche so, wie ich es über Jahre gemacht habe. Dann sehen wir weiter.
Außerdem habe ich ja vielleicht in anderen Sachen ein viel größeres Talent (lacht).

Markus Deibler
Photo Credits: HEAD

Das Schwimmen entsprach nicht mehr deinem gewünschten Lebensstil. Wie beschreibst das Leben, das du Leben willst?

Ich will Spaß am Leben haben und Zeit mit meinen Freunden, meiner Freundin verbringen.
Ich will nicht mehr fremdbestimmt leben, nicht mehr alles nur dem Training unterordnen. Der Job als Leistungssportler ist so komplex, das können sich die meisten gar nicht vorstellen. Du arbeitest 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Training, Regeneration, Ernährung – alles muss passen. Da gibt es kaum Zeit für anderes.

Gibt es trotzdem etwas, das du an deinem Sportlerleben vermisst?

Das Team am Olympiastützpunkt vermisse ich. Es war immer schön, wenn man sich im Trainingslager zusammen gequält hat. Sowas schweißt zusammen.

Wie viel Sport machst du zur Zeit?

Nach meinem Rücktritt habe ich zwei Monate gar nichts gemacht. Danach musste ich abtrainieren, damit sich mein Herz langsam an die geringere Belastung gewöhnt.
Ansonsten war ich innerhalb des letzten Jahres zweimal im Schwimmbad schwimmen. Aber ich merke, dass ich das nicht brauche. Ich mache mittlerweile wieder regelmäßig etwas, einfach um nicht aufzugehen wie ein Hefekloß. Aber eigentlich brauche ich im Alltag keinen Sport. Ich könnte auch einfach auf der Couch liegen.

Dein Bruder Steffen bereitet sich gerade auf die Olympischen Spiele in Rio vor. Wie erlebst du diese Vorbereitung?

Damit habe ich nicht viel zu tun. Das muss Steffen alleine mit seiner Trainerin meistern. Dass das Training bei ihm einfach weiterläuft, war am Anfang schon komisch mitzuerleben. Einfach, weil ich es mir für mich nicht mehr vorstellen konnte. Aber er hat weiterhin Bock drauf und arbeitet für Olympia 2016, das ist gut so!

Fliegst du mit nach Rio?

Nein. Ich werde hier bleiben. Olympia zu erleben ist großartig. Ich durfte zweimal in den Genuss kommen. Aber es ist einfach auch richtig teuer. Außerdem muss ich im Sommer arbeiten. Da haben wir in der Eisdiele schließlich Hochsaison.

Die Eisdiele ist ein gutes Stichwort. Nach deinem Karriereende hast du alles andere als faul auf der Couch gelegen. Du arbeitest seitdem Vollzeit in deiner Eisdiele. Wie kommt man auf die Idee eine Eisdiele zu eröffnen?

Selbstständigkeit hat mich schon immer fasziniert. Als Luisa, eine Freundin von mir, nach ihrem Studium in Italien zurückkam und von den großartigen Eisdielen dort schwärmte, wussten wir, dass wir solch gutes Eis hier in Deutschland nicht finden würden. Außer, man würde es selbst herstellen. Also haben wir ein Konzept entwickelt und uns selbstständig gemacht, um richtig leckeres Eis herzustellen. Wir verkaufen jeden Tag andere Sorten, so kommt man über die Jahre auf mehr als 400 verschiedene Eissorten.

Würdest du den Schritt in die Selbstständigkeit wieder wagen?

Aufjedenfall! Um Lebensmittel zu verkaufen, bedarf es zwar vieler Behördengänge und generell stößt man in der Selbstständigkeit auf viele Stolpersteinen. Wenn man sie aber aus dem Weg geräumt und seinen Teil daraus gelernt hat, macht es einfach nur eine Menge Spaß. Es gibt, wie überall Auf- und Ab’s und neue Herausforderungen die wir jeden Tag aufs Neue bewältigen müssen. Das ist spannend und faszinierend.

Was sind eure Pläne für das bevorstehende Jahr?

Wir sind gerade dabei, neue Räumlichkeiten für eine weitere Eisdiele zu suchen, denn das Geschäft läuft gut. Außerdem liefern wir unser Eis auch an Lebensmittelhändler. Diese zu akquirieren, bedarf viel Arbeit. Da wird einem nie langweilig.

Danke für deine Zeit und dass du uns Rede und Antwort gestanden hast.
Und auf dass noch einige Kugeln Lebensfreude sowohl in deiner neugewonnen Freizeit, als auch in Eurer Eisdiele dazukommen!

 

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