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sport abroad – Wie man in Peking „ins Schwimmen kommt“

Nachdem uns Sven bereits Einblicke in sein Radtraining in Peking gegeben hat, habe ich ihn zu den Schwimmmöglichkeiten im fernen Osten befragt.
Die Schilderungen sind nichts für schwache Nerven. Kopfkino garantiert. Wo sind also meine mutigen Leser?

Sven, wo schwimmst du in Peking?

Bei der Wohnungssuche habe ich mich an den Trainingsmöglichkeiten in direkter Umgebung orientiert. Und so wohne ich jetzt nur wenige Meter von einem 50m-Pool entfernt. Zu Beginn war das die perfekte Lösung.

Aber?

Mittlerweile schwimme ich nur noch dort, wenn ich mit meiner chinesischen Schwimmgruppe trainiere. Ein Glücksgriff, mit unserer Trainerin Zhang Jie (ihr englischer Name ist Monica). Sie ist eine Open Water Spezialistin. Sie hat in 2007 mit gerade mal 20 Jahren als erster “Chinese” überhaupt den New Zealand Cook Strait durchschwommen. In 2010 hat sie mit über 21h am Stück einen Weltrekord für den längsten Open Water run aufgestellt, und in 2014 hat sie mit einem Frauen Team bei der ersten Überquerung des Taiwan Strait in der Geschichte teilgenommen. Ihre Einheiten sind immer ziemlich hart, aber in der Gruppe macht es Spaß.

21century_training
Training mit der chinesischen Schwimmgruppe im 21century

Und in der Gruppe sind nur Chinesen?

Ja, ich bin der einzige Laowai (Ausländer). Wurde aber von Anfang an sehr herzlich von den Chinesen aufgenommen. Das ist einer der grossen Unterschiede zwischen China und Deutschland. „Neue“ werden überall gerne integriert, während man in Deutschland da eher reserviert ist.

Ich spreche kein Chinesisch und die Trainierin nur ein wenig Englisch. Also helfen mir die anderen in der Gruppe, indem sie die Anweisungen übersetzen. Es hat sich rumgesprochen, dass „Beine“ meine Hass-Übung ist. Deshalb heisst es oft in der Übersetzung: „Sven, now 400m Kick!“ Wenn ich verzweifelt „Shenme?“ (Was?) frage und alle lachen, weiss ich, dass das gerade ein Scherz war. Zu meinem Leid allerdings nicht immer.

Wieso schwimmst du ansonsten nicht mehr dort?

Dafür gibt es mehrere Gründe.  Einige kennt man aus Deutschland. Das Wasser ist seit einer Weile extrem kalt und dann gibt es auch in China die typischen Brustschwimmer auf der Bahn – die nerven können, gerade wenn das Schwimmbad voll ist. Und komischerweise scheint man hier eher ins Hallenbad zu gehen, wenn das Wetter gut ist und es warm wird. Und dann ist da noch die Sache mit dem Spucken.

Es ist also kein Vorurteil, dass Chinesen überall hinspucken?

Nein. Das Spucken gehört in China quasi zur Kultur. Es basiert auf der Annahme, das durch das Ausspucken der Körper von Bakterien gereinigt wird. Auf der Strasse kann man sich irgendwie daran gewöhnen… Im Schwimmbad fällt mir das nicht so einfach.  Trotz Schildern kommt es in der Dusche regelmäßig zu “extremer Bakterienreduzierung”. Mit solch Elan und Engagement, dass man manchmal einfach nur „Sag mal, geht es noch?“ fragen möchte.  Und auch im ungechlorten(!) Becken darf man das ab und an erleben.

Danke für das Kopfkino! Verständlich, dass man da gerne mal ausweichen möchte. Wo gehst du stattdessen schwimmen?

Über die Firma haben wir Zugang zu mehreren Gyms in Peking. Eines davon hat einen 33.3m Pool. Das ist meine erste Wahl. Und ein grosser Luxus, selbst für deutsche Verhältnisse. Handtuchservice, Getränkeservice,  sehr saubere und gepflegte Umkleidekabinen mit Einzelduschen. Und nach der Einheit stehen Whirlpool, Dampfbad oder Sauna zur Verfügung. Aber der eigentliche Hit, bisher hatte ich immer eine Bahn komplett für mich alleine. Perfekte Bedingungen, um sein Training durchzuziehen.
Einziges Manko, ich muss meist vor der Arbeit schwimmen gehen, da wir nur 30 Slots pro Tag zur Verfügung haben.

Habt ihr auch die Möglichkeit im Freiwasser zu trainieren?

Offiziell nicht. 50 Kilometer von Peking entfernt gibt es ein Trinkwasser-Reservat, da „verirren“ wir uns manchmal hin 😉
Es ist eigentlich nicht erlaubt, dort zu schwimmen, aber es gibt sehr professionell rausgetrennte Streben im Zaun, die einen mehr oder weniger legalen Zugang darstellen. Kurz vor dem Wasser verkaufen Händler die typischen Boyen, die Freischwimmer in China meist nutzen und auch bei manchen Triathlon-Veranstaltungen vorgeschrieben sind. Und auf der Treppe ins Wasser steht dann mit Kreide die aktuelle Wassertemperatur angeschrieben. Ich denke, bei so viel „Vorbereitung“ ist es semi-illegal.

Badewetter an den Tombs - gut zu sehen, die orangenen Schwimm-Boyen
Badewetter an den Tombs – gut zu erkennen: die orangenen Schwimm-Boyen der Chinesen

Das Ming-Tomb Wasser Reservoir ist bei den beiden chinesischen Triathlon-Clubs in Peking und Schwimmern sehr beliebt. Zumal man von dort direkt mit dem Rad in die umliegenden Berge starten kann. Samstag- und Sonntagmorgen um 6.00h (man fährt mit dem Auto 45min aus Peking) trifft man dort auf viele Triathleten.

Die Sauberkeit des Trinkwassers scheint den Chinesen ja sehr am Herzen zu liegen?

Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, werden diese Trinkwasser-Reservate nicht mehr von Peking genutzt. Allerdings war ich z.B. in einem Trainingslager in der Fujian Region. Dort war man mit den Vorgaben sehr viel strenger und ich bin dort auch nicht in die traumhaften Freiwasser zum Schwimmen gegangen.

Für manche Regionen und Städte sind die Reservate die direkte Trinkwasser-Quelle. Das heißt, das Wasser wird nicht aufwendig geklärt, wie wir es aus Deutschland kennen. Deshalb empfiehlt es sich auch nicht, Wasser direkt aus dem Hahn zu trinken – zumal wenn man bedenkt, dass da womöglich noch irgendwelche Triathleten drin geschwommen sind (lacht).

Ich habe zuhause ein spezielles Filtersystem für Leitungswasser.  Damit hat man das Filtern selbst in der Hand und kann das Wasser dann mit relativ gutem Gewissen trinken.

 

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Schwimmen in den Sonnenuntergang – herrlich „verboten“

 

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